So geht das nicht!

Wieder früh wach. Aber diesmal war es keine senile Bettflucht, sondern der finnische Transporter oder Camper direkt unter meinen Fenster. Jeder der geladenen Hunde musste Gassi. Nacheinander. Und wer noch nicht dran war, jaulte fürchterlich. Das in der Rezension so gelobte Frühstück des Hotels erwies sich zwar als etwas karg, aber hey, besser als ein Müsliriegel.

Nach der Verpackerei ging es dann wieder los, so etwa halb elf. Aber erst nachdem ich mir die frisch gewaschene Hose mit Kettenöl eingesaut hatte! Klar! Der Weg führte am alten Bahnhof vorbei, der jetzt ein Museum ist. Er hatte 1907 mit 216m den längsten überdachten Bahnsteig Europas.

Genauso lang wie damals der Zarenzug. Von da aus ging es neben dem alten Gleis zum Fähranleger. Nach knapp zehn Kilometern war ich da. Ich hatte mich vorher nicht informiert, wann eine Fähre fährt, aber im Kartenbuch stand, dass alle zwei Stunden eine fahren würde. Wird schon schief gehen!

Ich hatte echt Glück! Als ich zum zwanzig nach elf ankam, hieß es, dass die Fähre in zehn Minuten ablegen würde. Super! Und Kostenpunkt waren auch nur €3,40. Echt fair! Die Fähre brauchte 75 Minuten und dann war ich auf der Insel Hiiumaa.

Es fing sehr schön an mit ein paar Alleen, ließ dann aber leider auch wieder stark nach. Am Ende bin ich im Schwerpunkt dann wieder auf Landstraßen gefahren. Ein nettes Hochlicht zwischendurch war das folgende ehemalige Pastorenhaus, das zwischen 1909 und 1997 für drei Perioden als Schule benutze wurde. Je nach angesagter Diktatur dann auch wieder nicht.

Kurz danach wurde ich per Fahrrad eingeholt von einer älteren Dame aus Recklinghausen. Sie hatte sich – das hört sich jetzt komisch an, soll’s aber gar nicht – gerade den Friedhof angesehen und sah mich vorbeiradeln. Da ich der erste Radreisende war, den sie seit ihrer Ankunft gesehen hatte, nahm sie die Verfolgung auf, um einen Plausch zu halten. Sie war nur einen Tag nach mir mit der Fähre von Helsinki aus angekommen. So fuhren wir die nächste Stunde zusammen und tauschten uns über unsere Touren aus. Sie fragte mich nach diesem und jenem Ort, ob ich da auch hinfahren würde oder schon war. Hmmm… okay. Keine Ahnung. Ich schau auf diese Karte und rechne wie weit ich wohl kommen könnte und suche mir zwei bis drei Möglichkeit als Unterkunft raus, je nachdem wie gut es läuft. Orte? Die haben alle recht … interessante Namen. Puuuh. Also ich fahr den Iron Curtain Trail. Das ist auf den Schildern die 13. Naja, sie fährt kreuz und quer und folgt keiner speziellen Route und Unterkünfte hat sie für manche Tage, aber nicht für alle. Auch ein abgefahrener Ansatz.

In Kärdla trennten sich dann unsere Wege, sie war an ihrem Ziel, ich hatte noch so dreißig Kilometer übrig. Die Zeit war auf jeden Fall im Flug vergangen, war es doch nach der Unterhaltung mit dem Typen von der Gepäckaufbewahrung in Tallinn das erste tatsächliche Gespräch, was ich seitdem geführt habe. In den Tagen zuvor habe ich keine zehn Wörter am Tag gesprochen, fiel mir dann auf. Krass.

In Kärdla hatte der Coop geöffnet und ich besorgte mir einen Mittagssnack. Wer behauptet, dass alkoholfreies Radler und Zimtschnecke nicht zusammen passen würden, hat übrigens KEINE Ahnung.

Im Anschluss ging es wieder ziemlich monoton weiter, aber Dank des mäßigen Windes ging es zügig voran. Nach einem Halt am nächsten Coop in Körgessaare und einem verdampfendem halben Liter Cola entschied ich mich, weil’s so gut lief, dazu, nicht in Körgessaare auf den RMK Platz zu gehen, sondern den nächsten in 9 km Entfernung anzusteuern, denn der las sich in der Beschreibung einfach besser. Gesagt, getan.

Bei der Ankunft stellte ich dann leider fest, dass ich da wohl zu viel hinein interpretiert habe. Er war mitten im Wald gelegen, das Meer fast 200 m weit weg. Echt schön, aber das passte so nicht. Ich wollte doch meine Spaghetti in Meerwasser kochen! Ich hab doch kein Salz dabei!

Viel schlimmer war aber die sofort loslegende Mückenarmada. Nee, gar keine Lust. So geht das nicht! Beurteilung der Lage ergab, dafür reicht mein Autan-Vorrat nicht, auch wenn die Flasche noch fast voll ist. Kurz die Karte online gecheckt, wo die nächste Möglichkeit wäre und siehe da, knapp sechs Kilometer, direkt am Meer. Da sollten weniger Mücken sein. Der Weg dahin war dann wieder so eine Schotter-Piste durch den Wald, aber meine Hoffnung lag auf dem Ziel. Und Bingo. Alles richtig gemacht, auch wenn ich jetzt morgen knapp sechs Kilometer extra vor mir habe. Direkt am Meer gelegen, aus dem Zelt kann ich nun sogar auf’s Wasser schauen.

Direkt nach der Ankunft bin ich aber erstmal ins Wasser hinein. Ja, genau, ich, und sogar freiwillig. War nicht mal kalt. Weit rein bin ich aber nicht. Das wäre dann doch etwas tollkühn für meine Verhältnisse. Man soll das ja auch nicht übertreiben. Ist aber auch tatsächlich komisch, wenn man komplett alleine an so einem Stand ist…

Nach einer kleinen Fotosession zum Sonnenuntergang fing ich dann nun an mit meinen Meerwasser-Spaghetti. Nachdem ich mir zuvor für Bestätigung über die Google Suche geholt hatte, ob das alles so geht wie ich mir das vorstelle, ging’s los. Fazit: wenn man Meerwasser für Nudeln nutzen möchte, sollte man sicherstellen, dass man am Meer ist und nicht an der Ostsee. Die ist etwas fad.

Die Mücken nerven hier zwar auch, aber sicher nicht so extrem wie im Wald und der Ausblick entschädigt sowieso für alles. Auch für die gut achtzig meist monotonen Kilometer.

Gesamtstrecke: 98326 m
Gesamtanstieg: 215 m
Gesamtzeit: 08:27:51
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Auf nach Haapsalu!

Wie gestern schon angekündigt wählte ich den überdachten Tisch als Nachtlager, bequem ist was anderes. Aber so blieb das Zelt trocken und die Morgenroutine lief auch viel schneller ab. Aufgewacht wie immer um sechs entschied ich mit stoischer Renitenz, dass das immer noch viel zu früh für mich wäre. Das zweite Mal wachte ich dann um kurz nach acht auf. Oha. Da steckte dann wohl doch noch etwas Müdigkeit in den Knochen nach dem gestrigen Tag…

Trotzdem kam ich fast eine halbe Stunde früher los im Vergleich zum Tag zuvor. Kein Zelt, kein Müsli mit Milch, kein Abwasch. Aha.

Wald, immer wieder Wald. Von Meer habe ich heute fast nichts gesehen. Entweder lag es daran oder daran, dass der Regen vorbei war – ich hatte kaum Gegenwind! Sehr angenehm, so kam ich echt gut voran und hab den E-Antrieb nur kurz bei zwei, drei Anstiegen hinzugeschaltet.

Nach gut zwanzig Kilometern hielt ich an der Tourist Information in Nova und konnte dort nach drei Tagen den ersten Kaffee genießen. Herrlich! Dazu gab’s dann noch einen kleinen Brownie. Direkt daneben war die Feuerwehr, die wohl Tag der offenen Tür hatte oder so. War auf jeden Fall einiges los, die Kinder konnten mit einer Spritze einen Ball von einer Halterung herunter schießen.

Wenige Kilometer weiter ging es dann in eine Art Naturschutzgebiet oder sowas. Reichlich Wald, sehr schön! Mittig sollten dann wieder Campingplätze vom RMK liegen, die entdeckte ich dann später auch, wirklich traumhaft schön gelegen. Allerdings machten sich auch langsam die Mücken bemerkbar, der Regen gestern war wohl gut für die Viecher. Die Strecke durch den Wald betrug etwa elf Kilometer. An sich okay, aber die Bodenbeschaffenheit war heftig! Wie von einer Planierraupe gewalzt waren es durchgehende Bodenwellen in dreißig Zentimeter Abstand! Für die Physiker: das Stichwort ist Resonanzkatastrophe. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so durchgerüttelt wurde!

Im Anschluss gab es im Schwerpunkt wieder Landstraße und Landstraße und… Landstraße. Ging aber somit weiter gut voran.

Da ich alle Akkus laden und Wäsche waschen wollte, entschied ich mich dazu, eine feste Unterkunft zu buchen. Dank des immer verfügbaren LTE-Netzes war das auch von unterwegs aus kein Problem. So stand ich mitten im Nirgendwo an der Landstraße und buchte ein Zimmer in Haapsalu, nachdem klar war, dass ich es dahin auch vor Einbruch der Dunkelheit schaffen würde.

Zum zwanzig nach fünf kam ich dann dort auch an und konnte mein Zimmer beziehen. Retro-Charme! Wird im Hotel auch als Nostalgie-Zimmer vermarktet. Keine Klimaanlage gehört wohl mit zum Konzept. Naja, in der Ecke steht wenigstens ein Ventilator. Also Akkus ans Netz, sprich Rad, Handy und Powerbank und dann Sachen waschen. Schade, dass das Waschbecken kein Stöpsel hat. Mal sehen, ob das bis morgen alles wieder trocken wird. Irgendwann muss ich mal auf einen kommerziellen Campingplatz, der eine Waschmaschine hat…

Und dann ging es ab in die Stadt. Nach vielleicht zehn Minuten erreichte ich die Altstadt. Das erste Restaurant, was ich über TripAdvisor rausgesucht hatte, konnte oder wollte keine weiteren Gäste mehr aufnehmen. Hmpf. Okay, gegenüber ist eine Pizzeria. Etwas fad, aber bringt bestimmt genug Kalorien für morgen.

Im Anschluss bin ich noch etwas herum gelaufen und hab mir die Ruine oder Reste der Kathedrale angeschaut. Mitten in der Stadt, beeindruckend!

Jetzt sitz ich in der Veinbaar bei einem Rioja, schreibe Euch diese Zeilen und freu mich über die fast 83 km, die ich heute geradelt bin.

Gesamtstrecke: 78457 m
Gesamtanstieg: 244 m
Gesamtzeit: 07:41:02
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Zu langsam

Der Tag fing mit einem großartigen Blick aus dem Zelt an. Durch die Bäume hindurch konnte ich das Meer sehen!

Das erste Mal war ich um sechs wach, entschied mich aber dafür, dass das deutlich zu früh sei und schlief weiter bis um halb acht. Die Quittung dafür gab es dann später.

Während der ersten Morgenroutine stellte ich direkt fest, dass sich mein alter Teller mit Deckel, den ich in Südafrika schon genutzt hatte, etwas gehärtet hatte. Die Weichmacher sind wohl raus. An sich nicht schlimm, doch mein Vorgehen aus Südafrika konnte ich nicht mehr richtig verwenden: Müsli, Milchpulver und Wasser zusammen rein, Deckel druff, schütteln, fertiges Müsli mit Milch. Ging gerade eben gut. Beim Reinigen bewies ich dann eine beeindruckende Lernresistenz, indem ich nun heißes Wasser einfüllte, den Deckel wieder druff setzte und erneut schüttelte. Schöne Idee, mit heißem Wasser aber doof. Die Hälfte des dreckigen Spülwassers verteilte sich über den Tisch, da der Druck innerhalb des Behälters scheinbar zu groß wurde und der Deckel aufgrund der zu wenig vorhandenen Weichmacher nicht richtig saß.

Insgesamt dauerte alles zusammen genommen – also Frühstück zubereiteten, Zelt abbauen, alles wieder in die richtigen Taschen packen, den Otter wieder beladen – viel zu lange. Losgekommen bin ich erst um zehn nach zehn. Zwei Stunden vierzig. Krass. Vielleicht sollte ich das Müsli durch Müsliriegel ersetzen. Weniger Platzbedarf, kein Abwasch.

Die ersten Kilometer liefen ganz passabel. An der „Treppe“ hielt ich kurz an. Jene welche heißt so, weil der Bach dort über diverse Treppenstufen läuft. Idyllisch! Direkt in der Nähe gab’s dann auch noch einen Geocache, der schnell gefunden war. Mein erster Cache in Estland!

Ein Großteil der Strecke heute lief entlang von großen Hauptstraßen, im Vergleich zu Deutschland irgendwas zwischen Landes- und Bundesstraße. Wenn es keinen Radweg daneben gab, gab es zumindest einen Radstreifen am Rand. Meist knapp fünfzig Zentimeter breit und im allgemeinen hielten die Autofahrer noch zusätzlichen Abstand, so dass das ganz okay lief. Da der Wind natürlich wieder alles gab und somit an meinen Segelohren echt laut war, hat mich dann das eine oder andere Fahrzeug trotzdem ganz schön überrascht. Und so ein voll beladener Holz-Transporter inklusive Anhänger, der dann mit achtzig, neunzig Sachen an dir vorbeirauscht, ist schon respekteinflößend!

In der Zwischenzeit hatte ich dann einen Abschnitt, der komplett über Schotter lief. Das ist echt unangenehm darüber zu fahren. Da ich wusste, dass es nachmittags regnen sollte, kürzte ich dann ab, um – wenn es gut läuft – vor dem Regen an dem Lagerfeuerplatz zu sein. In Paldiski legte ich dann eine Pause am Supermarkt ein, wo ich meine Vorräte auffüllen konnte. Zum Mittag gab es dann direkt auf dem Parkplatz ein Chicken-Mayo-Sandwich. Lecker!

Es gab dann neben der unendlich langweiligen Straße nur wenig bemerkenswertes. Schön war ein altes Kloster, das zur Hälfte wieder genutzt wird als Hotel. Im Garten wurde gerade eine Trauung oder so vorbereitet.

Das Gebummele am Morgen sollte sich nun rächen. Mitten auf einer langen Straße fing es an zu regnen. Hmmm, früher als ich über das Regenradar erwartet hatte. Nur leicht, aber wer weiß… ab in die Regen-Klamotten! War dann aber nix längeres, nach ein paar Minuten war der Spuk vorbei. Das Wetter hielt sich dann noch für eine Stunde oder so und ich dachte wirklich, dass ich es trocken zum Ziel schaffe. Aber auch das Zuschalten des E-Antriebs half nicht. Pustekuchen! Es ging los, und zwar richtig. Ziel grob anvisiert reichte nun nicht mehr, die Plätze vom RMK, also der estnischen Forstverwaltung, liegen doch etwas versteckt. Erkenntnis ist, dass Touchdisplays bei Regen ihre Schwierigkeiten haben. Auch der Fingerabdrucksensor kann mit Fingern, die wie nach zwei Stunden Vollbad aussehen, wenig anfangen. Der Regen wurde noch stärker, ein richtiger Platzregen war es jetzt. Endlich kam ein Baum, unter dem ich halten konnte, um zu navigieren. Ich war schon zu weit gefahren! Also wieder einen halben Kilometer zurück, da war der Platz. Hätte ich ihn gleich entdeckt, wäre die ganz schlimme Husche an mir vorbeigegangen.

Jetzt sitze ich hier, hab Feuer gemacht, das leider zu weit weg ist, als dass es mich wärmen würde oder ich meine Sachen darüber trocknen könnte und habe gegessen. Heute mal nicht Asia-Plastiknudeln, sondern Carbonara, quasi Plastiknudeln deluxe. Ich warte eigentlich auf das Ende des Regens, aber das Regenradar hat noch mal nachgelegt. Aus ursprünglich 18.30 Uhr ist derzeit irgendwas Richtung Mitternacht geworden. So wird wohl dieser überdachte Tisch hier mein Nachtlager werden, dann bleibt das Zelt wenigstens trocken.

Ein wenig erhebender Tag geht zu Ende, an dem ich aber zumindest fast 70 km gefahren bin.

Gesamtstrecke: 66939 m
Gesamtanstieg: 257 m
Gesamtzeit: 06:11:23
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„The wind is always against you!“

Mit diesen Worten verabschiedete mich der Typ von der Gepäckaufbewahrung im Hotel. Und er sollte recht behalten.

Der Morgen präsentierte sich mit Sonnenschein, wie der Blick aus dem Hotelfenster zeigte:

Die Fahrt aus Tallinn heraus lief ohne größere Probleme, der Weg war gut zu finden und kurz vor dem Stadtrand sah ich dann auch zum ersten Mal das europäische Radroutenzeichen für den Iron Curtain Trail, was mich mit absoluter Vorfreude auf das, was da vor mir liegt, erfüllte.

Insgesamt ist Tallinn recht modern und man kümmert sich um ein gutes Stadtbild. So werden alte Gebäude nicht einfach abgerissen, sondern clever modernisiert, so dass sich Neu und Alt ganz gut die Waage halten.

Nachdem ich die Hauptstadt verlassen hatte wurde es immer ruhiger und einsamer. Dem Weg konnte ich immer noch sehr gut folgen, alles asphaltiert – hervorragend zu fahren. Nach einer Weile kam ich an eine Kreuzung, an der ich aussuchen konnte, ob ich dem Iron Curtain Trail gemäß Kartenmaterial folge oder aber zur Hauptstraße zurückkehre, die dann als Estnischer Küstenradweg Nummer 1 deklariert war. Der Bauch sagte Hauptstraße, der Kontrollfreak sagte: „Nein, nein, Thomas, Du musst das schon ordentlich machen, so wie es die Karte sagt!“ Also auf geht’s!

Die Wege wurden nach ein paar Kilometern dann Pfade und hatten durchaus was trailmäßiges – wenn man denn zu Fuß unterwegs ist. Ich kam an einen Weg, der ziemlich steil hoch ging. Fahren ging nicht, dass war direkt klar. Okay, also schieben. Bis zur Hälfte, weiter ging’s nicht. Der Bolide wiegt dann doch halt was an die fünfzig, sechzig Kilo. Na gut, dann also Gepäck anschnallen, hochtragen und dann das Gefährt hinterher. Nachdem ich die ersten beiden Taschen oben hatte, könnte ich dann sehen, dass danach direkt die nächste Anhöhe wartete. Hab ich verstanden. Also komplett retour.

Sieht nicht nach viel aus, sind vielleicht 12 Meter, aber bestimmt 50 Grad im Winkel.

Komplett retour hieß dann am Ende etwa 12 km Umweg oder aber 12 km für nichts. Als ich an der Hauptstrasse ankam war das Bild wieder besser, alles asphaltiert, schön stumpf geradeaus. Nach wenigen Metern hatte ich das Gespräch an der Gepäckaufbewahrung wieder vor Augen. „In Estonia we say, the wind is always against you!“. Absolutely! Keine Ahnung wie viele Windstärken das waren, aber ich hatte Mühe und Not auf 10 Stundenkilometer zu kommen. Somit war dann auch schnell klar, dass ich mir mal überlegen sollte, wo ich denn nächtigen will, da das Etappenziel gemäß Karte unerreichbar war. Wenn ich ehrlich bin, war das aber auch ohne den Wind schon vorher klar. Ursprünglich hatte ich mal für den Tag einen Campingplatz in 35 km Entfernung rausgesucht, hatte dann aber spekuliert, dass ich vielleicht doch weiter kommen würde. Am Ende waren es dann ungefähr 59 km, die ihr Ende an einem der öffentlichen Campingplätze der estnischen Forstwirtschaft fanden, der wirklich sehr schön gelegen ist. Mein Zelt steht vielleicht vierzig Meter vom Wasser weg, traumhaft.

Der Preis für den kostenlosen Stellplatz wäre dann wohl das Plumpsklo – was aber dafür sorgt, dass der Platz ein Sternchen von der Forstverwaltung bekommt, denn fast alle anderen Plätze haben angeblich nicht mal das.

Leider ist die Aufzeichnung des Tracks erst nach Tallinn und auch erst nach dieser Anhöhe, bei der ich dann umdrehen musste, gestartet. Warum? Keine Ahnung… Vielleicht habe ich auch in der Aufregung einfach vergessen, das GPS zu aktivieren. Könnte schon sein. Wer weiß…

Gesamtstrecke: 21330 m
Gesamtanstieg: 120 m
Gesamtzeit: 02:25:04
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Von Helsinki nach Tallinn

Überraschenderweise hatte ich auf der Überfahrt von Travemünde nach Helsinki dann doch immer mal wieder LTE, obwohl es doch immer noch einige Kilometer bis zum Festland waren. Folglich gab es dann doch ein, zwei Statusupdates.

Die Überfahrt lief absolut reibungslos, die Bahn ist im Vergleich deutlich ruckliger. Das Ablegen um 03.00 Uhr habe ich schon gar nicht mehr mitbekommen, zu lang war der Tag und ich in der Folge zu müde.

Der Seetag war ganz entspannt, zuerst habe ich bis mittags geschlafen, danach habe ich den restlichen Tag auf dem Sonnendeck verbracht – natürlich im Schatten. Dank des unerwartetenden Internetempfangs konnte ich mir schon mal die Strecke in Helsinki raussuchen, denn die Fähre aus Travemünde legt in einem anderen Hafen an als die, die dann nach Tallinn fährt. Dazwischen sollten 22 km liegen.

Am Anlegemorgen habe ich dann Mareen wiedergetroffen, sie hatte in der Zwischenzeit an ihrer Masterarbeit gewerkelt. Nach einem Kaffee zum Frühstück erreichten wir dann auch schon Helsinki um 09.00 Uhr Ortszeit.

Auf dem Deck, auf dem die Fahrräder standen, gesellte sich dann Paul aus Berlin dazu, der in Finnland Richtung Norden will. So fuhren wir dann zu dritt die Rampe von der Fähre runter, der erste Test für die Bremsen. Das war schon etwas spannend, da ich sicherlich nicht sehr weit weg vom Systemgewicht von 160 kg bin. Das Gepäck habe ich vorher nicht gewogen, somit also keine Ahnung wie „schwer ich bin“.

Die ersten fünf Kilometer fuhren wir zu dritt, dann verließ uns Paul und bog zu seinem Campingplatz ab. Mareen und ich fuhren noch weitere siebzehn Kilometer durch Helsinki zusammen bis sich auch unsere Wege trennten. So denn, ab jetzt alleine weiter. In der Nähe des Hafens konnte ich dann noch einen Geocache finden, so dass ich das Souvenir einheimsen konnte. Gleichzeitig war dies mein nördlichster Cache. Sehr schön!

Helsinki selber hat mich nicht wirklich überzeugt. Für eine Hauptstadt zwar relativ ruhig – und definitiv großartige Radwege! – aber schön? Nicht wirklich. Oder Google hat mich nicht durch schöne Ecken geleitet. In Nähe des Geocaches waren zwar ein paar schöne Häuser, aber in der Summe…

Vor dem Check-in auf der nächsten Fähre gab’s dann noch einen Hotdog zum Mittag. Bad Bad Boy Hotdog! Echt gut! Die Bude stand neben einem… hmmh… Kunstwerk. Es wurde auf jeden Fall unglaublich oft fotografiert (die Leute haben jetzt alle den Flying Otter mit auf den Bild). So denn auch von mir:

Beim Warten auf die Fähre hab ich dann noch ein älteres Motorradfahrerpärchen aus Süddeutschland getroffen, die einmal die Ostsee umrunden. Die Fähre nach Tallinn hat mich dann doch noch mal etwas sprachlos werden lassen. Die Fähre war nochmal ein gutes Stück luxuriöser als die erste. So gab es sogar einen Burger King an Bord?!

Nach zwei Stunden erreichten wir dann Tallinn, die zweite europäische Hauptstadt an einem Tag, das hat schon fast amerikanische Züge… Der erste Kontakt mit Tallinn war ganz anders als Helsinki, denn beim Herunterfahren von der Fähre war ich mittenmang zwischen den LKWs. Der Adrenalinlevel war ordentlich! Insgesamt stellte sich Tallinn sofort als wuseliger im Vergleich zu Helsinki heraus. Das Hotel war dann schnell gefunden, direkt am Rande der Altstadt gelegen. Bis dahin war aber mehr schieben als fahren angesagt, denn hier gibt’s nicht so schöne Radwege und alles ist etwas enger.

Als erstes wurde dann die bisherige Wäsche im Waschbecken gewaschen. (Ich bin sehr gespannt, ob das bis morgen früh trocknet…) Dusche und los in die Altstadt!

Erster Eindruck: gefällt mir sehr gut! Die Altstadt ist wirklich noch recht mittelalterlich geprägt und dass es immer dunkler wurde, hat nur das Ambiente verbessert:

Auf dem Bild sieht man das Parlament, sehr schick! Nach dem Besuch weiterer Punkte zum Fotografieren hielt ich nun Ausschau nach etwas zu essen. Um den Rathausplatz herum war alles schlecht bewertet und vor jeden Lokal standen Koberer, die einen in das jeweilige Restaurant locken wollten. Okay, nicht mein Modell. Ein paar Straßen – und einige Minuten – weiter fand ich dann „Steaks & Wine“. Küche sollte bis 23.00 Uhr offen sein, passte also auch. Das Essen war ganz hervorragend, irritierend war dann nur, dass um elf auch insgesamt Schluss war. Mmhhh, damit hatte ich nicht gerechnet. Für das Glas Wein hätte ich gerne noch ein Viertel Stündchen gehabt…

Bei einem Abschlussbier im hoteleigenen Pub schreibe ich nun diese Zeilen und freue mich schon auf mein Bett. Obwohl heute eigentlich nur Fähre auf dem Programm stand, waren es dann doch 35 km auf dem Rad.

Es geht los

Nach dem Verlassen des Zeltlagers, was für die letzten drei Wochen mein Zuhause war, liege ich nun auf meiner Koje auf der Fähre nach Helsinki. Um drei Uhr morgens soll sie ablegen und mich in 29 Stunden einmal quer über die Ostsee befördern.

Da das Zeltlager heute morgen mit drei Schulklassen neu belegt wurde und wir somit einfach überflüssig waren, sind wir zeitig los und trudelten schon gegen Mittag in Travemünde ein. Im Hafenhaus wurde uns dann mitgeteilt, dass der Check-in für Fahrräder erst gegen 23 Uhr stattfinden würde. Somit hatten wir dann noch reichlich Zeit zu überbrücken, was uns aber ganz gut gelang – hier und da mal was essen, etwas Geocaching und ein bisschen Shopping… und dann war er schon da, der erlösende Moment des Starts, aber auch des Abschieds für einen ganz schön langen Zeitraum.

Direkt an Bord am Fahrradständer habe ich dann Mareen kennengelernt, wir beide sind die einzigen Fahrradfahrer auf dieser Überfahrt, ich einfach auf einer Radtour und sie am Umziehen nach Finnland. Auf dem Rad. Mit zwei Rucksäcken. Ganz genau. Ich frage mich, was für abgefahrene Leute ich noch so kennenlernen werde.

Die Antwort kommt direkt. Jens wird mein Mitbewohner sein auf der Fahrt nach Helsinki.

Da die Internetgebühren an Bord beeindruckend sind, gibt’s dann frühestens in Finnland das nächste Update, wahrscheinlich aber erst in Tallinn. Gute Nacht!

Hallo Welt!

Das ist es nun – mein Blog. Es ist noch knapp ein Monat hin und dann soll die große Reise starten. Erst noch zwei Wochen Zeltlager, im Anschluss noch eine Woche ausruhen und vorbereiten, aber dann geht es los. Los auf den Iron Curtain Trail. Naja, zumindest ein Teilstück davon: von Tallinn die Ostseeküste längs nach… wir werden sehen. Ziel ist es, das Grüne Band in Deutschland noch zu fahren und dann nach zwei Monaten wieder heimzukehren.

Ich hoffe, dass ich die Zeit und Geduld finde, hier (un)regelmäßig über die Tour zu berichten und auch das ein oder andere Bild zu veröffentlichen. Inwieweit das nur mit einem Handy ausgestattet möglich ist, werden wir dann sehen. Über Kommentare freue ich mich natürlich auch.